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Rudolf Magnus
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Rudolf Magnus (* 2. September 1873 in Braunschweig; â 25. Juli 1927 in Pontresina) war ein deutscher Arzt, Pharmakologe und Physiologe. Sein bedeutendster Beitrag zur Biologie war die Erforschung der Reflexe, die zur Körperhaltung beitragen. Sein Leben und Werk haben die Pharmakologen Wolfgang Heubner und Göran Liljestrand sowie Rudolfs Sohn Otto Magnus (* 1913) dargestellt.
Contents
âą Leben
âą Werk
âą Heidelberg
âą Utrecht
âą Anerkennung
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Leben
Rudolf Magnus stammte aus einer Braunschweiger jĂŒdischen Familie. Seine Eltern waren der Jurist Otto Magnus (1836â1920) und dessen Frau Sophie geb. Isler (1840â1920). GroĂvater und UrgroĂvater vĂ€terlicherseits waren Ărzte. Der GroĂvater mĂŒtterlicherseits, Meyer Isler (1807â1888), war Direktor der Stadtbibliothek, heute Staats- und UniversitĂ€tsbibliothek, Hamburg. Nach dem Abitur 1892 am Martino-Katharineum in Braunschweig entschied sich Rudolf trotz seiner Liebe zu dichterischer Literatur fĂŒr ein Studium der Medizin. Er absolvierte es in Heidelberg, kurz auch in Berlin und MĂŒnchen. In Heidelberg beeindruckte ihn besonders der Physiologe Wilhelm KĂŒhne. Bei ihm fertigte er seine Dissertation âUeber die Messung des Blutdrucks mit dem Sphygmographenâ an, ĂŒber die er 1895 auf dem Dritten Internationalen Physiologenkongress in Bern berichtete. Bei ihm lernte er auch den gleichaltrigen spĂ€teren Physiologen Otto Cohnheim-Kestner und den etwas Ă€lteren Zoologen und Philosophen Jakob Johann von UexkĂŒll kennen, die seine Freunde wurden. 1898 bestand er das Staatsexamen und wurde zum Dr. med. promoviert.
Nach einer Reise nach England, wo er in Cambridge auf dem Vierten Internationalen Physiologenkongress ĂŒber âBeitrĂ€ge zur Pupillarreaktion des Aalaugesâ vortrug, begann seine Assistentenzeit bei dem Heidelberger Pharmakologen Rudolf Gottlieb. 1900 habilitierte er sich mit einer Schrift âĂber Diurese. II. Mittheilung: Vergleich der diuretischen Wirksamkeit isotonischer Salzlösungenâcite-ref-1[1] und wurde Privatdozent. In den Semesterferien arbeitete er oft in auslĂ€ndischen Laboratorien, so 1901 bei dem Physiologen Edward Albert Sharpey-Schafer in Edinburgh und 1902 und 1903 mit Jakob Johann von UexkĂŒll an der Zoologischen Station Neapel. 1902 heiratete er in MĂŒnchen Gertraud Helene Rau (1875â1947), ebenfalls aus einer jĂŒdischen Familie. Vor der Heirat hatten sich beide taufen lassen.cite-ref-2[2] Das Ehepaar hatte fĂŒnf Kinder, darunter als jĂŒngstes Otto, der spĂ€ter Rudolfs ausfĂŒhrliche Biographie schrieb. Weitere Englandreisen fĂŒhrten 1905 zu dem Physiologen John Newport Langley in Cambridge und 1908 zu dem Physiologen Charles Scott Sherrington in Liverpool. Hier erhielt er Ende April ein Schreiben Gottliebs, er könne ihm nicht lĂ€nger die Stelle des Ersten Assistenten geben. Kaum in Heidelberg zurĂŒck, erreichte ihn Anfang Mai ein Ruf der niederlĂ€ndischen Königin Wilhelmina auf den neu geschaffenen Lehrstuhl fĂŒr Pharmakologie in Utrecht, den ersten Pharmakologie-Lehrstuhl in den Niederlanden.cite-ref-3[3]
Magnus nahm an und bezog als sein Institut ein 1567 als Krankenhaus errichtetes kirchenĂ€hnliches GebĂ€ude, âLeeuwenberghâ, in Utrecht. Es gab in Utrecht mehrere deutsche oder österreichische Professoren, und Magnus hielt seine Vorlesungen mit Billigung der Studenten zunĂ€chst auf Deutsch. Etwa 1918 war es nach einer Anekdote zu Beginn einer Vorlesung einmal unruhig im Hörsaal; Magnus vergewisserte sich der Korrektheit seiner Kleidung und merkte erst nach zwanzig Minuten, dass er niederlĂ€ndisch sprach; von da an habe er in der Landessprache gelehrt.cite-ref-4[4]
Der Erste Weltkrieg Ă€nderte nichts, bis Magnus im Oktober 1915 als Stabsarzt an ein Lazarett in Speyer und im Juni 1916 an die Kaiser-Wilhelms-Akademie fĂŒr das militĂ€rĂ€rztliche Bildungswesen in Berlin gerufen wurde. Einen Ruf auf den Pharmakologie-Lehrstuhl der Vereinigten Friedrichs-UniversitĂ€t Halle-Wittenberg 1915 lehnte er ab. 1917 konnte er, weil dort nicht mehr abkömmlich, nach Utrecht zurĂŒckkehren. âWie einen FĂŒrsten holte ihn die Utrechter Studentenschaft am Bahnhof ein und geleitete ihn mit Jubel zurĂŒck an seine ArbeitsstĂ€tte.âcite-ref-5[5] Rufe 1924 nach Groningen und (als Nachfolger Gottliebs) nach Heidelberg lehnte er ebenfalls ab. Mit Hilfe der Rockefeller Foundation plante er den Bau eines neuen InstitutsgebĂ€udes. 1926 wurde der Grundstein gelegt. Vor der Fertigstellung starb Magnus. Bei der Feuerbestattung in ZĂŒrich sprachen unter anderen Otto Cohnheim-Kestner, der ZĂŒricher Physiologe Walter Rudolf Hess, Wolfgang Heubner und Magnusâ engster Mitarbeiter Adriaan P.H.A. de Kleijn (1883â1949). Das neue Institut âNieuw Leeuwenberghâ wurde 1928 von Magnusâ Nachfolger Ulbe Gerrit Bijlsma (1892â1977) eröffnet.
Werk
Heidelberg
Allgemeines
Magnusâ Habilitationsschrift wurde auĂer als separater Druck auch in Naunyn-Schmiedebergs Archiv fĂŒr experimentelle Pathologie und Pharmakologie veröffentlicht, dort als eine von fĂŒnf âUeber Diureseâ betitelte Mitteilungen.cite-ref-6[6] In allen ging es um die Funktion der Nieren und die Entstehung von Ădemen. Welche Rolle spielte bei der Harnproduktion die FlĂŒssigkeitsfiltration in den Glomerula einerseits, die Sekretion und Reabsorption in den NierenkanĂ€lchen andererseits? Welche Rolle kam bei Ădemen den Nieren einerseits, der DurchlĂ€ssigkeit der Blutkapillaren andererseits zu? Laut der Habilitationsschrift wirkte Natriumsulfat stĂ€rker diuretisch als Natriumchlorid, wohl wegen âeiner verschiedenen Wirkung in den secernierenden Elementen der Niere selbstâ. Die Einordnung in das heutige Wissen um die Nierenphysiologie ist schwierig.cite-ref-7[7]
Ăber mehrere andere Themen arbeitete Magnus in seiner Heidelberger Zeit, so ĂŒber Herzglykoside, die Pharmakologie der Atmung und â drei so betitelte AufsĂ€tze â âDie stopfende Wirkung des Morphinsâ; die letztere untersuchte er mit Hilfe der eben entdeckten Röntgenstrahlen.
Physiologie und Pharmakologie des Darms
âBei der Erforschung der Bewegungserscheinungen einzelner Organe hat es sich bisher immer als vortheilhaft erwiesen, neben den Experimenten am ganzen Thier mit seinen complicirten InnervationsverhĂ€ltnissen und wechselnden EinflĂŒssen des Kreislaufes die Untersuchung am ĂŒberlebenden Organ durchzufĂŒhren, um festzustellen, zu welchen Leistungen dieses Organ von sich aus, unbeeinflusst von jenen Ă€usseren Factoren, befĂ€higt sei. ⊠Im Folgenden soll eine einfache Methode beschrieben werden, nach der man die Bewegungserscheinungen des ĂŒberlebenden DĂŒnndarms von SĂ€ugethieren leicht studiren kann, und welche meines Erachtens geeignet ist, fĂŒr den Darm dasselbe zu leisten wie die bekannte Langendorff'sche Methode fĂŒr das Herz. ⊠Ich bin ausgegangen von dem Befunde Otto Cohnheims, welcher bei seinen Resorptionsversuchen fand, dass der Katzendarm in Blut, durch welches Sauerstoff hindurch perlt, sich Stunden lang lebhaft bewegt.â
Magnus zeigt dann, dass man Darmschlingen auch in Salzlösungen statt in Blut lebend halten kann. âIn der That fĂŒhrt der Darm unter diesen UmstĂ€nden Stunden lang seine mehr oder weniger lebhaften Bewegungen unverĂ€ndert fort, und man kann sowohl den gesammten Darm als auch einzelne kleinere StĂŒcke desselben unter diesen Bedingungen dem Versuche zugĂ€nglich machen.â Er beschreibt die Folgen von TemperaturĂ€nderungen, Ănderungen des Innendrucks und eines Sauerstoffentzugs und schlieĂt:
âIm Vorstehenden glaube ich gezeigt zu baben, dass die geschilderte Methode, die Bewegungen des isolirten Darmes zu beobachten und zu registriren, alles das leistet, was man von einem derartigen Verfahren verlangen kann. Hoffentlich gelingt es, mit ihrer HĂŒlfe in den bisher noch in vielen Punkten dunklen Mechanismus der Darmbewegung tiefer einzudringen und auch das VerstĂ€ndniss von Giftwirkungen am Darm zu fördern.â
Die Hoffnung erfĂŒllte sich zum Beispiel in Paul Trendelenburgs Anbahnung der Entdeckung der Opioidrezeptoren 1917.cite-ref-starke1998-9-0[9] âMagnus war berufen, ⊠der Pharmakologie ein sehr vielseitig anwendbares Verfahren und einen gewaltigen AnstoĂ zu geben. ⊠DaĂ die Methode zum Studium des isolierten Darmes ⊠zugleich das Vorbild fĂŒr alle Untersuchungen geworden ist, die sich mit dem Studium irgendwelcher glattmuskeliger Organe beschĂ€ftigt haben, des Uterus, des retrakten Penis, der Bronchien, der Ureteren, der Arterienstreifen, Blasenstreifen, Pupillenstreifen, selbst der Herzstreifen und anderer Objekte mehr, das ist heute Allgemeingut der Pharmakologen.âcite-ref-10[10] Leopold Ther nahm eine ausfĂŒhrliche Beschreibung in seine âPharmakologischen Methodenâ auf.cite-ref-11[11] Vermutlich wĂŒssten wenige, die die Methode benutzen, meint Otto Magnus, von den fundamentalen Beobachtungen ihres Erfinders.cite-ref-12[12]
Goethe als Naturforscher
Neben Forschung und pharmakologischer Lehre fand Magnus im Sommersemester 1906 Zeit fĂŒr zehn Vorlesungen ĂŒber âGoethe als Naturforscherâ. Zu seiner literarischen Neigung kam eine Anregung von UexkĂŒlls. Das Buchcite-ref-13[13] widmete er seiner âFrau und treuen Mitarbeiterinâ. Es ist das erste Werk, das sich auf die eben komplettierten dreizehn BĂ€nde der âWeimarer Ausgabeâ mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften stĂŒtzen konnte. AuĂerdem wurde es Magnus âdurch das freundliche Entgegenkommen des Herrn Geh. Hofrat Dr. Ruland in Weimar ermöglicht, im Goethe-Hause mit des Dichters eignen, noch wohl erhaltenen Apparaten seine Versuche zu wiederholenâ.
Gerahmt werden die Vorlesungen von zwei Gedichten: âWeite Welt und breites Leben âŠâ von 1817 und âEins und Allesâ von 1821. âZu bescheidenâ findet Magnus den Schlussvers des ersten Gedichtes âNun! man kommt schon eine Streckeâ. âDenn wir haben tatsĂ€chlich in Goethe einen der hervorragenden Naturforscher an der Wende des 18. und 19. Jahrhunderts zu sehen, der auf allen den zahlreichen Gebieten, die er bearbeitete, seine Studien mit gröĂter Energie betrieb und sich nie mit dilettantischer TĂ€tigkeit begnĂŒgte, sondern nicht ruhte, bis er sich die Kenntnisse und die SelbstĂ€ndigkeit des Fachmanns erworben hatte.â In zwei Vorlesungen werden die botanischen Arbeiten, in zweien die osteologischen und vergleichend anatomischen, in zweien die Arbeiten zur Farbenlehre und in einer Vorlesung die Arbeiten zur Mineralogie, Geologie und Meteorologie behandelt. An die Beschreibung von Goethes âsorgfĂ€ltigsten und mĂŒhevollsten Detailstudienâ und ihre Einordnung in die Wissenschaft der Zeit schlieĂt sich jeweils eine Beurteilung vom Wissen des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts aus. Ein Beispiel ist Magnus' Urteil ĂŒber Goethes Beziehung zur Deszendenztheorie. âMan hat in Goethe vielfach einen VorlĂ€ufer Darwins sehen wollen. Besonders hat HĂ€ckel diese Ansicht zu begrĂŒnden versucht. Daran ist jedenfalls richtig, daĂ Goethe als einer der MitbegrĂŒnder der vergleichenden Anatomie die Grundlagen schuf, auf denen Darwin weiter gearbeitet hat. Dagegen finden sich in Goethes morphologischen Hauptwerken ... keine Anschauungen, welche als darwinistisch im engeren Sinn bezeichnet werden können.â Goethe hatte in seiner Abhandlung von 1822 âFossiler Stierâ geschrieben: âAuf allen Fall lĂ€Ăt sich der alte Stier als eine weit verbreitete untergegangene Stamm-Race betrachten, wovon der gemeine und der indische Stier als Abkömmlinge gelten dĂŒrften.âcite-ref-14[14] Dies, so Magnus, sei Goethes fast einzige unzweideutige Bejahung einer Abstammungshypothese.cite-ref-15[15] Immer wieder betont er, dass auch da, wo Goethes Folgerungen irrten, wie gegenĂŒber Isaac Newton in der physikalischen Optik, seine Beobachtungen richtig gewesen seien.
Frontispiz des Buches ist die Zeichnung Bertel Thorvaldsens, mit der Alexander von Humboldt 1807 Goethe seine âIdeen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem NaturgemĂ€lde der TropenlĂ€nderâ zugeeignet hatte: âDer Genius der Posie, Apoll, lĂŒftet den Schleier der Göttin der Natur.â Auf einem Stein zu FĂŒĂen der Göttin steht Goethes Titel âMetamor<phose> der Pflanzenâ gemeiĂelt. FĂŒr Magnus reprĂ€sentieren Zeichnung und Zueignung die Anerkennung, die Goethe als Naturwissenschaftler nach und neben viel Kritik erfuhr und die etwa, was die physiologische â im Gegensatz zur physikalischen â Optik angeht, von Arthur Schopenhauer und Johannes Peter MĂŒller kam.
1949 erschien eine englische Ăbersetzung der âauch mehr als eine Generation nach der Erstpublikation noch besten allgemeinverstĂ€ndlichen Behandlung des Themasâ.cite-ref-16[16]
Utrecht
Allgemeines
In Utrecht setzte Magnus einerseits seine Heidelberger Themen fort. Ăber Herzglykoside entstand ein Aufsatz âZur Elementarwirkung der Digitaliskörperâ. Er trĂ€gt den Titel zu Recht, nicht im Sinne der Elementarwirkung auf molekularer Ebene, jedoch auf der Ebene des Organs âHerzâ: nĂ€mlich VerstĂ€rkung und Beschleunigung der Kontraktion.cite-ref-17[17] Das Bild dazu ist spĂ€ter mehrfach nachgedruckt worden.cite-ref-starke1998-9-1[9] Seine Erfahrung in der Pharmakologie der Atmung fĂŒhrte zu Magnus' Einsatz in der Kampfgasforschung an der Kaiser-Wilhelms-Akademie fĂŒr das militĂ€rĂ€rztliche Bildungswesen in Berlin. Die Resultate wurden 1921 in neun Mitteilungen âĂber Kampfgasvergiftungenâ der Zeitschrift fĂŒr die gesamte experimentelle Medizin publiziert. Magnus und Pharmakologe Ernst Laqueur waren die Hauptautoren in zwei der neun Publikationen.cite-ref-18[18]cite-ref-19[19]
Körperstellung
Andererseits bedeutete der Wechsel nach Utrecht eine thematische ZĂ€sur: Die Kontrolle der Körperhaltung wurde ein neues und das beherrschende Thema. Die Anregung kam von von UexkĂŒll, der beobachtet hatte, dass die Bewegungen der Arme von Schlangensternen, ausgelöst durch Reizung ihres Nervensystems, stĂ€rker ausfielen, wenn die Muskeln der Arme zur Zeit der Reizung gedehnt waren. Gab es eine solche AbhĂ€ngigkeit auch bei Wirbeltieren? Magnus wandte sich an Sherrington in Liverpool, der eben âThe Integrative Action of the Nervous Systemâ publiziert hatte. Noch mit âLiverpoolâ als Ortsangabe erschien 1909 die erste von vier Mitteilungen âZur Regelung der Bewegungen durch das Zentralnervensystemâ:cite-ref-20[20] âIch ergreife gern die Gelegenheit, Herrn Professor Sherrington auch an dieser Stelle meinen herzlichen Dank zu sagen. ⊠Die im nachfolgenden zu schildernden Beobachtungen wurden grosstenteils in den Osterferien 1908 in Liverpool angestellt. Einige ergĂ€nzende Befunde und die kinematographischen Aufnahmen wurden spĂ€ter im Utrechter pharmakologischen Institute gewonnen.â
Wirbeltiere reagierten wie die Schlangensterne. Magnus und Sherrington testeten den Kniesehnenreflex bei Hunden, deren RĂŒckenmark zur Ausschaltung von EinflĂŒssen des Gehirns einige Monate zuvor durchtrennt worden war, und beobachteten dabei auch die Reaktion des anderen Beines, den âgekreuzten Reflexâ. âEs hat sich nun herausgestellt, dass die Bewegungen des gekreuzten Beines bei diesem Reflex in ganz gesetzmĂ€ssiger Weise abhĂ€ngen von der Lage und Stellung, welche dieses Bein bei Aulsösung des Reflexes einnimmt. Ist das Bein in HĂŒfte, Knie und Fussgelenk gebeugt, so erfolgt Streckung. ⊠Genau der entgegengesetzte Erfolg tritt ein, wenn das Bein vorher gestreckt gehalten wird. ⊠Wie man sieht, erfolgt also auf ein und denselben Reiz eine ganz verschiedene Reaktion je nach der Stellung, welche das Glied vorher einnahm.â
Die Befunde seien von prinzipieller Bedeutung fĂŒr unsere Vorstellung von der Funktion des Zentralnervensystems. Das RĂŒckenmark sei âgleichsam in jedem Momente ein anderesâ und spiegele in jedem Moment die Lage und Stellung der verschiedenen Körperteile und des ganzen Körpers wider. Jeder Körperhaltung entspreche eine bestimmte Verteilung der Erregbarkeiten im Zentralnervensystem. Der Körper stelle sich sein Zentralorgan selbst in der richtigen Weise ein.
In seinem Buch âKörperstellungâ fasste Magnus 1924 die Utrechter Forschung â 84 AufsĂ€tze aus seinem Institut â zusammen.cite-ref-21[21] Das Buch zeigt, wie verschiedene Rezeptoren (Sinneszellen), verschiedene Gebiete des Zentralnervensystems und verschiedene Reflexe, âSteh- oder Haltungsreflexeâ fĂŒr den Körper in Ruhe und âStellreflexeâ zur Aufrichtung aus einer abnormen Lage, zur Körperhaltung beitragen. Ein umfangreiches Kapitel ist der âWirkung von Giftenâ, der Pharmakologie gewidmet. Das Buch bringe, urteilten die Zeitgenossen, eine âSumme von Erkenntnissen âŠ, von denen vor 20 Jahren niemand etwas wuĂteâ.cite-ref-22[22] Es stehe neben Sherringonts Werk âals der wichtigste Beitrag zur Physiologie des Nervensystems der letzten Dezennienâ.cite-ref-23[23] Diese Urteile haben Bestand gehabt. âDie Utrechter Schule (Magnus und de Kleijn) begann mit Sherringtons Beobachtungen ĂŒber âReflexfigurenâ bei dezerebrierten Tieren und beschrieb dann die heute vertrauten Muster von Orientierung und Haltung. Sir irrte zuweilen, aber diese Fehler bedeuten wenig angesichts der FĂŒlle sorgfĂ€ltiger Beobachtungen. Dass die niederlĂ€ndischen Forscher nicht zu stereotaktischen Methoden griffen, mag mit Magnus' vorzeitigem Tod 1927 zu tun haben.âcite-ref-24[24] 1962 erschien eine russische, 1987 eine englische Ăbersetzung.cite-ref-25[25]
Besonders bekannt, weil auch klinisch benutzt, wurden die âtonischen Halsreflexeâ, das sind Stehreflexe bei VerĂ€nderungen der Stellung des Kopfes zum Rumpf. Sie werden ausgelöst ĂŒber Rezeptoren der TiefensensibilitĂ€t im Bereich des Halses. Drehen des Kopfes fĂŒhrt zum asymmetrisch tonischen Nackenreflex: Arme und Beine der Seite, zu der das Kinn gedreht wird, werden gestreckt, Arme und Beine der Gegenseite gebeugt.cite-ref-26[26] Nach den Entdeckern spricht man vom âMagnus-de Kleijn-Reflexâ.cite-ref-27[27] Er steckt in der Motorik gesunder Menschen oder Tiere, wird aber erst deutlich, wenn das Vorderhirn durch eine GehirnschĂ€digung ausgeschaltet ist. Beim gesunden SĂ€ugling verschwindet er im Alter von etwa einem halben Jahr. SpĂ€teres Auftreten kann Symptom einer Gehirnerkrankung sein.
Anerkennung
Magnus war Ehrenmitglied mehrerer medizinischer wissenschaftlicher Gesellschaften. 1919 wurde er zum Mitglied der Königlich NiederlĂ€ndischen Akademie der Wissenschaften gewĂ€hlt und erhielt mit de Kleijn den âGuyot-Preisâ des Senats der ReichsuniversitĂ€t Groningen.cite-ref-28[28] Seit 1922 war er korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.cite-ref-29[29] Im Jahr 1925 wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewĂ€hlt. Im gleichen Jahr erhielt er die âBailey-Medailleâ des Londoner Royal College of Physicians und 1928 postum die âHans-Horst-Meyer-Medailleâ der Ăsterreichischen Akademie der Wissenschaften. Im Jahr 1927 wurden er und de Kleijn fĂŒr den Nobelpreis fĂŒr Physiologie oder Medizin nominiert, und das Nobel-Komitee fand ihr Werk preiswĂŒrdig; doch starb Magnus vor der endgĂŒltigen Entscheidung.cite-ref-30[30] 1968, sechzig Jahre nach seiner GrĂŒndung, wurde das Utrechter Pharmakologische Institut âRudolf Magnus Institute of Pharmacologyâ genannt. Heute ist es als âRudolf Magnus Instituteâ der Forschung in den klinischen und experimentellen Neurowissenschaften umgewidmet.cite-ref-31[31]
Literatur
âą Reinhard Bein: Rudolf Magnus. In: Lebensgeschichten von Braunschweiger Juden. döringDruck, Braunschweig 2016, ISBN 978-3-925268-54-0, S. 198â205.
âą Wolfgang Heubner: Rudolf Magnus. In: Naunyn-Schmiedebergs Archiv fĂŒr Experimentelle Pathologie und Pharmakologie. Band 128, S1, 1928, S. 17â23, doi:10.1007/bf02130142.
âą G. Liljestrand: Nachruf auf Rudolf Magnus. In: Ergebnisse der Physiologie. Band 29, Nr. 1, 1929, S. 646â654, doi:10.1007/bf02322373.
âą Otto Magnus: Rudolf Magnus. Physiologist and Pharmacologist 1873â1927. Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen, Amsterdam 2002. ISBN 90-6984-327-7.
Weblinks
Commons
: Rudolf Magnus
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą Informationen zu und akademischer Stammbaum von Rudolf Magnus bei academictree.org
⹠Rudolf Magnus Eintrag bei der Königlich NiederlÀndischen Akademie der Wissenschaften
Einzelnachweise
cite-note-11. â Gedruckt bei J. B. Hirschfeld in Leipzig. Heidelberger UniversitĂ€tsarchiv UAH H-III-111/132 fol.108râ117v.
cite-note-22. â Otto Magnus S. 79.
cite-note-33. â Otto Magnus S. 193.
cite-note-44. â Otto Magnus S. 198.
cite-note-55. â Heubner S. 21, analog auch Otto Magnus S. 200.
cite-note-77. â Otto Magnus S. 88.
cite-note-starke1998-99. â Klaus Starke: A History of Naunyn-Schmiedebergâs Archives of Pharmacology. In: Naunyn-Schmiedeberg's Archives of Pharmacology. Band 358, Nr. 1, 1998, S. 1â109, doi:10.1007/pl00005229, PMID 9721010.
cite-note-1010. â Heubner S. 19.
cite-note-1111. â Leopold Ther: Pharmakologische Methoden. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1949, S. 289â294.
cite-note-1212. â Otto Magnus S. 129.
cite-note-1313. â Rudolf Magnus: Goethe als Naturforscher. Vorlesungen gehalten im Sommer-Semester 1906 an der UniversitĂ€t Heidelberg.Verlag von Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1906.
cite-note-1414. â Zitat nach Magnus. In Goethes Original heiĂt es statt âder alte Stierâ âdas alte Geschöpfâ.
cite-note-1515. â Siehe aber Hermann BrĂ€uning-Oktavio: Vom Zwischenkieferknochen zur Idee des Typus. Goethe als Naturforscher in den Jahren 1780â1786. In: Nova Acta Leopoldina Band 18, Nummer 126. Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1956. BrĂ€uning-Oktavio zitiert S. 51â53 Goethe: âUnd doch lĂ€Ăt sich eine Reihe von Wesen <zwischen Schildkröte und Elefant> stellen, die beide verbindet.â Ferner: âHerders neue Schrift macht wahrscheinlich, daĂ wir erst Pflanzen und Tiere waren. Was nun die Natur weiter aus uns stampfen wird, wird uns wohl unbekannt bleiben.â
cite-note-1616. â Otto Magnus S. 145.
cite-note-2121. â Rudolf Magnus: Körperstellung. Verlag von Julius Springer, Berlin 1924, doi:10.1007/978-3-662-25478-3.
cite-note-2222. â Heubner S. 20.
cite-note-2323. â Liljestrand S. 653.
cite-note-2424. â Aus dem Englischen. Ragnar Grant: Comments on history of motor control. In: Vernon B. Brooks (Hrsg.): Handbook of Physiology. Section 1: The Nervous System, Band II. Motor Control, Part 1, S. 1â16. American Physiological Society, Bethesda 1981.
cite-note-2525. â Otto Magnus S. 252.
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